Nageire - Großarrangement Juli 2009
Ikebana von Dr. phil. Horst Nising Dipl. Theol.


Ikebana – die in seit dem 7. Jahrh. in Japan entwickelte Kunst der Blumen-Skulptur. Seit Jahrhunderten trägt die Ikenobo-Schule den kaiserlichen Titel „Stammhaus der Blumenlehre“. Bis in die Gegenwart hinein, hat die Ikenobo-Schule – heute unter Leitung des Headmasters Sen’ai Ikenobo 42. – die traditionellen Formen des Ikenobo-Ikebana weitergegeben und – in bestimmten geschichtlichen Situationen - neue Formen entwickelt.

Was mich an dieser Kunst – seit der ersten Begegnung damit vor mehr als vierzig Jahren - bis heute fasziniert, ist zunächst ihre Schlichtheit, ihre Reduktion auf Wesentliches. Deshalb sollte das Ziel dessen, der sich auf den „Weg“ begibt, eine Skulptur aus Pflanzen zu schaffen, der Wunsch sein, zunächst das Wesen einer Blume oder eines Zweiges zu erfassen.

Dazu gehört etwa ihre für sie typische Form – die der stolz aufwachsenden Iris etwa, die barocke Fülle einer Päonie oder die bescheidenen und zugleich komplexen Formen der Akelei. Der aufmerksame Betrachter kann in einem Ikebana auch die Jahrszeit erkennen, in der ein Ikebana entstand. Und schließlich sollte ein Ikebana einen Landschafts-Ausschnitt erkennen darstellen – etwa eine Szene an einem Teich oder ein Ausschnitt am Rande eines Waldes.

Der Ikebana-Weg lässt sich beschreiben als ein sich immer mehr vertiefendes Gespräch, als einen Dialog zwischen der Natur auf der einen und dem Menschen auf der anderen Seite.

Für den Ikebana-Künstler gilt, was Goethe (1749-1832) in der Zeitschrift „Propyläen“ über den Maler schreibt: daß er sich an die Natur halten, sie studieren, sie nachbilden, etwas, das ihren Erscheinungen ähnlich ist, hervorbringen solle“.

Goethe und Schiller (1759-1805) unterschieden in ihren Gesprächen über die Kunst zwischen Naturwahrheit und Kunstwahrheit. Mit dieser Unterscheidung beschrieben sie ein grundlegendes Gesetz, das auch für die Kunst des Ikebana gilt. Goethe formulierte diesen Grundsatz in seiner Einleitung für die Propyläen [1] so:

Indem der Künstler irgend einen Gegenstand der Natur ergreift, so gehört dieser schon nicht mehr der Natur an, ja man kann sagen: daß der Künstler ihn in diesem Augenblicke erschaffe, in dem er ihm das Bedeutende, Charakteristische, Interessante, abgewinnt oder vielmehr erst den höhern Wert hineinlegt.“ Das geschieht, so Schiller durch das freie Spiel der „Einbildungskraft“. Kunstwahrheit ist also spielerisch gesteigerte Naturwahrheit“. [2]

Im 20. Jahrhundert entwickelten sich – neben den traditionellen Ikebana-Skulpturen und deren Fortentwicklung – neue Arrangement-Formen, die man als abstrakte Ikebana-Skulpturen bezeichnen könnte. Ihre Regeln erlauben die Kombination von natürlichen und technischen Materialien – etwa von Metallen, Acrylglas oder textilen Stoffen. Zweige und Blüten erscheinen in solchen Zusammenhängen also weniger ihrer natürlichen Form wegen, sondern sie werden als eher ‚abstrakte’ Elemente eingesetzt.

[1] Eine von Goethe um 1799 gegründete Zeitschrift, die sich der kunsthistorischen Forschung, kunsttheoretischen Reflexion und kunstkritischen Analyse widmete.

[2] Der Text ist zitiert aus: Goethe und Schiller, Geschichte einer Freundschaft, München 2009, S. 238f.


weitere Informationen zu der Kunst des Ikebana unter

www.ikenobo-ikebana-art.de



©2011 Horst Nising / Impressum / Home